Gary Burke

 

Stell’ dir vor, es würde sich an einer viel befahrenen Kreuzung irgendwo zwischen Idaho und Köln-Porz ein Verkehrsunfall ereignen, an dem ein LKW mit einer Ladung Tanzboden, ein Lieferwagen einer Delikatessen-Küche und ein Dampfhammer ineinander krachen. Es wäre somit nicht nur eine nette verkehrstechnische Melange gelungen, der Haufen Allerlei in der Mitte dieser Kreuzung eignet sich gleichfalls als passender guter Vergleich des Drum-Stils von Gary Burke. Gary Burke hat sich in seinem Drumming konsequent auf die Eckpfeiler geschmackvollen und effizienten Drummings konzentriert: Großartige, geschmackvolle Time, sauberer und druckvoller Ton und ungewöhnliche, oft einfache — jedoch stets effiziente — Drum Grooves, die schlichtweg faszinieren.

Gary Burke ist u.a. der langjährige Drummer von Joe Jackson, mit dem er die Produktionen „Will Power", Body and Soul", „Live 1980 - 1986", „Blaze of Glory" und neben einigen Soundtracks die wahrlich ungewöhnliche Produktion „Big World" einspielte. Diese 11/2-LP (um das Wort „Doppel-LP" zu vermeiden, sie erschien 1986 als mit nur drei bespielten Plattenseiten) wurde in 3 Tagen mit jeweils 2 Auftritten pro Tag im New Yorker Roundabout Theatre unter seltsamen Bedingungen live aufgenommen.

Seltsam, da Joe Jackson im Publikum Info-Blätter austeilen ließ, wie sich das Publikum während der Auftritte zu verhalten habe: Nämlich gar nicht. Applaus, Rauchen, Essen, zur Toilette gehen — alles was Lärm macht (oder machen könnte) und so die Aufnahme stören könnte wurde verboten, um die Aufnahme eine der perfektesten Live-Aufnahmen werden zu lassen, die nicht nachbearbeitet werden konnte und sollte: Das Konzert wurde direkt auf ein 2-Spur-Tape aufgenommen. So wurden Pegelanpassungen, EQ, Effekteänderungen — der ganze Mixprozess der Songs — während der Proben und Probeauftritte im Recording Truck 2 Wochen lang vor der eigentlichen Aufnahme unter Mithilfe von Bob Ludwig eingeübt und dann live beim Auftritt (und so der Aufnahme) ausgeführt.

Somit ist „Big World" laut Gary Burke „... die einzige Platten-Produktion, die schon vor ihrer eigentlichen Aufnahme gemixt war!" Das Ergebnis ist ein sehr dynamischer Drum-Sound der das Beste aus Studio- und Live-Drumsound und Feel zu verbinden scheint: Ein Klassiker der schnell zu Platin wurde. Gary Burke denkt gerne an die „Big World"-Produktion und den damals noch hektischeren Joe Jackson zurück, schränkt aber ein, dass er in diesen 2 Wochen inklusive Vorbereitungszeit mindestens um 5 Jahre gealtert sei.

„You got invited from Gary to Woodstock doing the interview there? You’re a lucky guy! He’s such a sweetheart. You’ll have a good time!" — und der Tag hielt, was Drum-Tech Artie Smith über einen seiner Lieblings-Kunden versprach.

 

Du hast einen unglaublich schönen Touch zu deinem Instrument, einen Drum- und Cymbalsound der so ausgewogen und geschmackvoll klingt und in vielen New Yorker Recording Studios schon sprichwörtlich mit dir verbunden wird. Hast du daran bewusst gearbeitet?

Es kommt wohl daher, dass meine Mutter meinte, als ich den Wunsch äußerte, Schlagzeugunterricht nehmen zu wollen, dass ich zuallererst Unterricht an einem „richtigen Musikinstrument" nehmen solle. So begann ich zunächst, Geige und Piano und später Klavier zu lernen. Ich hatte aber immer noch den Wunsch, Schlagzeug zu spielen, und als ich damit anfing, veränderten diese Erfahrungen natürlich meinen Zugang zum Schlagzeug, da ich diese dann beim Lernen des Schlagzeugs unbewusst ähnlich anwandte.

So entwickelte sich bei mir eher der „Tonal Approach to the Drums" — ich achte sehr stark auf den Ton, den Touch und den Klang meiner Drums. Also auf Sachen wie Melodie, Töne, Tonlänge etc., auf die man achtet, wenn man Klavier spielt. Es ist ein eher melodischer Ansatz, den ich zu den Drums verspüre. Mein erster Schlagzeuglehrer konnte diese wunderschönen gefühlvollen Rolls spielen, die ich dann probierte zu lernen ...

 

... in vielen Drum-Magazinen werden „Tipps" gegeben wie man im Musik-Business als Drummer Karriere machen kann. Wie siehst du die Chancen und Wege den Beruf Drummer in die Tat umzusetzen? Also ähnlich, als ob man plant Arzt oder Rechtsanwalt zu werden. Geht das und wie hat es bei dir geklappt?

Das Einzige was wirklich zählt ist deine eigene, absolute Lust auf Schlagzeugspielen. Und das zu tun, was du wirklich tun möchtest. Das Einzige was zählt ist der Hunger. Der Hunger, das auch zu wollen. Dieser Hunger führt dich dahin, dass du es tust, weil du es einfach tun musst. Wenn du diesen Hunger nicht verspürst, dann gehörst du da auch nicht wirklich hin. Du brauchst diese Verführung. Andere Musiker erzählen mir manchmal, dass sie sich als Gefangener ihren eigenen Taten sehen: Sie tun das, was sie tun müssen! Es ist keine Sache die du ganz bewusst machst. Darum glaube ich, dass diese „Business Sections" in Musiker-Magazinen nur eine Art sind, Seiten zu füllen.

Oder weil man mit dem Vortäuschen des Drummings als „möglichem Beruf" dem Käufer des Instruments einen zusätzlichen Traum verkaufen will?

Ja, es kann eine Strategie sein, um das Instrument Schlagzeug als realistische Berufsalternative für jedermann darzustellen ...

... ähnlich den „Schlagzeuger-Diplomen" an Musikschulen ...

... ja, aber glaub’ mir: das allein hat überhaupt keinen Sinn. Ich denke, es geht nur über die Lust, die Hingabe, die einem all die andere Sinnlosigkeit und Unbequemlichkeit vergessen lässt, wie z.B. jahrelang nur $50-Gigs zu spielen. Aber diese tiefe Lust ist die Basis für alle Künste. Die Basis für die emotionale Komminukation, die Leute deine Platten kaufen lässt, die sie dazu bewegt, dass sie sich zu dir ins Publikum setzen, weil du ihnen einen Teil von dir selbst gibst. Es kommt genau daher und sicher nicht von dem Platz, wo da jemand sitzt und sich überlegt, was der beste Weg des Networking ist, um ins Gespräch und ins Business zu kommen ... (lacht)

Das spürt man dann sicher auch im Spielen der Leute. Aber grundsätzlich ist das etwas, was du nicht beeinflussen kannst. Das Einzige, was du auf spielerischer Ebene beeinflussen kannst, ist deine Spieltechnik — je tiefer und weiter du dich in die Musik und dein eigenes Drumming rein bewegst, um so gespenstischer wird es ja! Du merkst, dass du eigentlich Sachen machen kannst, die dir vollkommen fremd sein können, die sich zu „ergeben" scheinen, weil du so tief in der Materie drin bist. Das ist schwierig zu vermitteln, aber gewisse Sachen kannst du nicht „kaufen", sie kommen von irgendwo anders ... macht das Sinn?

Dank’ dir, Gary!

GARY BURKES LIEBLINGS-CDS

„I have some records that are important to me — does this qualify for favorite CDs?"

 

Caravan
Art Blakey and The Jazz Messengers
(Riverside RM438)
„Eine unglaubliche Verbindung aus gutem Timing, Feel und eigenem Ausdruck. Der 12/8-Groove in ,Caravan‘ ist brillant. Blakey ist mit seinem Drumming weit über die pure Technik hinweg hinein in eine eigene Kunstform gewachsen."

Ambassador Satch
Louis Armstrong and his All-Stars
(Columbia CL 840)
„Als ich 10 Jahre alt war, sah ich Louis Armstrong live, was mein Leben änderte. Louis ist für mich der ,Master of Feel‘ und ich denke, jeder Drummer kann viel von ihm lernen. Barrett Deems ist der Drummer auf dieser Platte, aber eigentlich spielt hier die ganze Band mit dem ,Armstrong Feel‘. Diese Live-Platte erinnert mich an das Konzert, bei dem ich Louis Armstrong das erste Mal hörte und an die Gefühle und die tiefe emotionale Verbindung, die ich zu ihm verspürte."

Burnin’ Beat
Buddy Rich and Gene Krupa
„This is a fun Record! — ein besserer Titel für diese Platte wäre vielleicht ,Night and Day‘: Der Unterschied in Stil und Technik zwischen den beiden könnte nicht größer sein, aber ,both kicked the ass of the band that day in the studio!‘"

Let there be Drums
Sandy Nelson
(Imperial 12080)
„Simples, gutes Pop-Drumming als Hauptinstrument. Sandy und Cozy Cole brachten das Solo-Drumming in den Rock’n’Roll."

„Außerdem mag ich alles mit Ziggy Modeliste mit The Meters und John Boudreaux mit Allen Toussaint. Die New-Orleans-Tradition und die ,Behind the Beat‘-Stilistik, die diese Gentlemen spielen, sind beeindruckend und ein Meilenstein für mich. Einiges von John Boudreaux ist auch auf der aktuellen Produktion von Lee Dorsey ,Wheelin’ and Dealin’‘ (Arista 18980) zu hören."n

 

EQUIPMENT
„Das Set, das ich letztens mit Joe Jackson in Joe’s Pub benutzt habe, ist mein Lieblings-Set: Ein Gretsch Drumset von circa 1972, bestehend aus einem 13"•9" Tom, einem 16"•16" Floor Tom und einer 14"•22" Bassdrum, mit einer Ludwig „Gold Supraphonic" Snaredrum von circa 1930 mit 10 Tube-Lugs und Claw-Hooks (Spannklauen). Manchmal benutze ich auch eine alte Ludwig „Black Beauty". Die Cymbals sind von Paiste: Ein Paar alte 13" Hi-Hats, von denen ich glaube, dass sie aus der „Formula 602"-Serie sind — die Aufschrift ist schon vor langer Zeit verschwunden — ein 18" Crash und ein 21" Ride aus der Signature-Serie und ein 20" Swish-Cymbal mit Nieten, von dem ich nicht weiß, welche Marke es ist.

Als Felle benutze ich Remo Ambassador („frosted" sagt Gary, also weiß/aufgeraute Version, Anm. d. Verf.), außer auf der Bassdrum, bei der ich zwischen Evans EQ2 und Remo Pinstripe als Schlagfell hin und her wechsele. Die Sticks sind das pro mark 808 Hickory Model."

DISCOGRAFIE

Gary Burke ist u. a. zu hören auf:

  • „Hard Rain" - Bob Dylan
  • „Body and Soul" - Joe Jackson
  • „Big World" - Joe Jackson
  • „Will Power" - Joe Jackson
  • „Live 1980 - 1986" - Joe Jackson
  • „Blazy of Glory" - Joe Jackson
  • „Night Music" - Joe Jackson
  • „Symphonie No.1" - Joe Jackson
  • „Acid Bubblegum" - Graham Parker

... und zu sehen auf:

  • „Hard Rain" - Bob Dylan & The Rolling Thunder Revue
  • „Big World Sessions"- Joe Jackson
  • „Live from Tokyo" - Joe Jackson

interview & fotos: marcus demuth

Das vollständige Interview lesen Sie in der STICKS-Ausgabe 01.2000, erhältlich im Zeitschriftenhandel und in guten Musikfachgeschäften ab dem 30. 12. 1999

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