Knuth Jerxsen

Wenn ein Kind vor dem Radio steht und mit Stricknadeln Orchester dirigiert, dann ist das mehr als verdächtig. Die Musikerfamilie Jerxsen erkannte darin schnell ein talentiertes Verhalten und förderte das Bedürfnis perkussiver Entfaltung. Ein vorgezeichneter Weg führte letztlich an die Konservatorium vonHilversum, Arnheim und Rotterdam. Heute ist Knuth Jerxsen ein freischaffender Perkussionist, der sich der Welt der Trommeln auch aus einem anderen Blickwinkel genähert hat. Während die einen sich des erlernten „Latin Stuff" ereifern, haben andere ihr Standbein in der Popmusik gefunden oder fahren gar täglich zum Privatsender und spektakeln in einer der zahlreichen Late-Night-Shows. Das Kölner Medien-Kulturpflaster bietet zur Zeit wahrscheinlich mehr Möglichkeiten für freischaffende Musiker als irgend eine andere Stadt. Gott sei Dank, kann man da nur sagen! Knuth Jerxsens kreative Schwerpunkte liegen neben Studioproduktionen, Tourneen und Künstlerbegleitungen gerade im Bereich der darstellenden Kunst. Er schöpft aus dem Potenzial seiner Erfahrungen vielfacher Tanzbegleitungen und ist in diesem Genre ein gefragter Künstler, der das sensible Trommelwesen auch mal in „Geistersprache" umzusetzen vermag.

Du hast den Studiengang als „ausführender Musiker" mit Abschluss im Bereich „Lateinamerikanische Musik" absolviert. Hältst du nach wie vor ein Studium als sinnvolle Vorbereitung für den sicheren Stand des Musiker Berufslebens?

Sind die Strukturen einer Hochschule in der Form organisiert, dass sie sich an den heutigen Bedürfnissen orientieren, dann ist die Antwort ein klares ja! Zu meiner Zeit war dies leider noch nicht der Fall. Damals haben wir uns hauptsächlich mit Latin-Musik beschäftigt und in Ensembles afrobrasilianische oder afrokubanische Standards gespielt. Aber was in der Wirklichkeit auf einen zukommt, das musste man im richtigen Leben selber lernen. Ich hatte glücklicherweise durch meinen Vater eine gute Vorbereitung, so dass ich nicht den Sprung ins kalte Wasser wagen musste, sei es beim ersten Gig den man vom Blatt spielen musste oder beim ersten Studiojob. Nur mit dem Studium im Rücken wäre ich wahrscheinlich erst mal auf die Nase gefallen. Generell aber ist das Studium als wesentliche Grundlage hervorragend, man hat genug Zeug im Gepäck, das eine vernünftige Basis für alle Stilistiken liefert.

In wie weit kannst du diesen Background heute anwenden?

Also, mit der Zeit versucht man das ja alles erst mal wieder zu vergessen. Man will sich ja nicht aus irgend welchen Schubladen bedienen, sondern sucht nach dem Eigenen. Dabei fließen Konzepte und Ideen von früher mit ein. Ich greife immer noch auf traditionelle Strukturen zurück, da gibt’s einfach einen fantastischen Fundus, den ich auch aktuell gerade im Ensemblespiel einsetzen kann.

Wie entdeckt man das Eigene, die persönlichen Schwerpunkte?

Die persönliche Entfaltung und das Prägen eines eigenen Stils ist doch ein Ziel jeden Musikers, und dies gelingt wenn man loslassen kann von all dem was man gelernt hat. Ich finde es gerade bei DJs interessant zu beobachten, dass die ja im Grunde keine echte Musikausbildung haben, sondern Musik eher ganzheitlich hören und völlig andere Schwerpunkte empfinden. Ist es der Groove, die Melodie, eine Stimmung? Das sollte man versuchen auch bei sich zu entdecken.

Hörst du Musik analytisch?

Es ist eine Wechselwirkung aus analytischem Hören und dem Gesamteindruck, der Stimmung. Nicht dass ich heraushören will, was der Trommler da für Figuren spielt. Ich lasse die Musik erst mal wirken. Dies ist gerade für Perkussionisten bedeutend, die ja meistens die Lücke oder das Ergänzende finden müssen. Das kann eine zum Schlagzeug synchrone Figur sein, die soundmäßig dann belebend wirkt, es kann auch etwas noch nicht vorhandenes sein. Das sollte man vom ersten Eindruck abhängig machen. Und der ist wie der First Take im Studio, die erste Idee, was aus dem Bauch herauskommt. Das setzt Erfahrung und Freude, aber auch eine Bereitschaft zum Risiko voraus.

Ist die Freude zum Risiko nicht auch eine Lebenseinstellung für einen Perkussionisten in Deutschland?

Ha, ha, ha ... das stimmt!!! Wir hier in Köln haben ja eine recht große Gemeinde von Perkussionisten, die alle ihre eigene trommlerische Nische gefunden haben. Und das funktioniert. Die einen sind in der Latin-Szene, die anderen machen extremen Hip-Hop, Tanz- oder Theatergeschichten. Irgendwann stellt sich für jeden heraus, wo man am besten ist.

Du hast dich mehr als andere Perkussionisten mit Kompositionen und musikalischen Begleitungen im Bereich Tanztheater und auch Ballettmusik beschäftigt.

Ich habe schon relativ früh in dem Bereich angefangen und damals schon Tanzworkshops für Paul Haze gemacht. Ich bin in diesem Metier auch geblieben und habe mich viel damit beschäftigt. Viele Kulturen kennen ja keine Trennung von Tanz und Musik, vor allem afrikanische Kulturen. Oft gibt es nur ein Wort für Musik und Tanz zusammen. Und wenn man dort das Trommeln lernen will, dann muss man auch die Tanzschritte dazu lernen. Das ist für mich sehr ursprünglich. Du spielst und die Leute bewegen sich dazu, es muss in die Beine gehen. Und das Trommeln ist ja auch ein bisschen wie der Tanz der Hände, sowohl visuell für den Zuschauer, als auch vom Input her, von der Energie, von der Motivation. Aber auch Tourneen, Studioproduktuionen unterschiedlichster Couleur und Bandprojekte zählen zu meinem Aktivitäten.

Arbeitest du auch mit elektronischem Equipment?

Programmierte Sounds mit akustischen Instrumenten umzusetzen, ist eine schwierige und kaum realisierbare Sache. Ich arbeite gern mit veränderten Klangelementen, Filtersounds und ähnlichen Dingen. Und wenn eine Live-Situation den Aufwand zulässt, dann benutze ich auch hier elektronisches Equipment, was meiner Ansicht nach heute viel einfacherer und sicherer zu handhaben ist.

Nutzt du beruflich das Internet?

Natürlich, mal abgesehen dass meine Website drin ist, gibt es viele Kontakte übers Netz. Ich nutze den Sound-Austausch über virtuelle Studios und informiere mich grundsätzlich. Das macht die Arbeit einfacher und schneller.

Welche aktuellen Projekte liegen dir besonders am Herzen?

Ich bin ja immer mit vielen verschiedenen Projekten beschäftigt. Man leistet zunächst viel Input ohne dabei die wirtschaftliche Seite abschätzen zu können. Ich investiere sehr viel Zeit in Ideenentwicklungen, ganz besonders in das gemeinsame Projekt mit meiner Freundin, der Tänzerin Ute Wilbertz. Zu diesem Projekt gehören auch eine Malerin und ein DJ, der die modernen Komponenten einbringt. Das ganze ist eine Live-Performance mit musikalischen und darstellerischen Elementen. Da wird das Bild gemalt, worauf die Tänzerin reagiert und das ganze findet in einem musikalischen Konzept statt. Abgedrehte Konzepte und verrückte Events finden mehr und mehr Platz im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Neben diesen seriösen Kunstprojekten oder auch Theaterperformances gibt es noch die Band „Beats and Noises", die ich zusammen mit Roland Peil initiiert habe. Mittlerweile sind da jede Menge Trommler dabei, die auf Veranstaltungen wie eine Horde einfallen und da einen Riesenalarm machen! Wir spielen zum Teil auf herkömmlichen Percussion-Instrumenten, setzen aber auch Sequenzer ein und bedienen uns ebenso spektakulärer Klangerzeuger wie Blech oder Müll. „Stomp" hat da schon eine gute Vorarbeit geleistet.

Brauchen unterschiedliche Situationen auch verschiedene Setups? Spielst du also mit ständig wechselndem Aufbau oder hältst du an einem konstanten System fest?

In meinen verschiedenen Projekten brauche ich ganz klar unterschiedliche Setup-Systeme. Außerdem stellt sich die Frage: Spiele ich im Sitzen oder im Stehen? Ich habe festgestellt, dass ich im Sitzen sicherer und tighter bin. Gerade in konzentrierten Studiosituationen, oder wenn ich zum Klick arbeite, spiele ich also grundsätzlich sitzenderweise. Mein Live-Setup wird ständig den Band-, Konzert- und Bühnen-Bedürfnissen angepasst. Abgesehen von wenigen zentralen Elementen wie Congas, Cajon oder Djembe, ist das ständige Wechseln der Aufbausituation deswegen spannend, weil ich den Instrumenten immer wieder neu begegne. Aber geht’s um die Show, um Popmusik und Party, dann spiele ich selbstverständlich im Stehen. Klare Sache!

Was macht dir musikalisch eine Gänsehaut?

Alles was mit Überzeugung, Ehrlichkeit und Seele gemacht ist!

Credits
Tabaluga Musical, Beats and Noises, Mike Herting, Höhner 2001, Art Show, Choreographisches Theater Bonn mit den Produktionen „Judith" und „Esther", In Touch, Tohuwabohu, Willy Ketzer, Bertram Engel, „Loud and Clear"-Tournee, diverse Filmmusiken, diverse Werbejingles, Künstlerbegleitung (The Dome, Viva, Viva 2), Musik für „Maseltov", „Klangmeister"

Website www.beatsandnoises.de

Equipment

Meinl Percussion:

  • Woodcraft Congas: 11" Quinto,
  • 11 3/4" Conga, 12 1/2" Tumba
  • Collection Series Free Ride Bongos
  • 13 1/2" Fiberglas Floatune Djembe
  • Luis Conte Steel Timbales 13"/14"
  • Single Row Chimes (Silver Finish)
  • Double Row Chimes (Gold Finish)
  • Shaker, Kokiriko
  • Realplayer Steelbells
  • Realplayer Shaker Bell
  • Hand- & Setup-Tambourines
  • Cabasa, 2 Shekeres
  • 2 Talking Drums
  • Maracas, Caxixis

Meinl Cymbals:

  • Candela Percussion Range Effect Cymbals und Custom Shop Cymbals (Crash und Ride)

Schlagwerk Percussion:

  • Yambú Drums, Cajons, Frame Drums,
  • Balaphone
  • 13" x 6,5" Cake Snaredrum
  • Istanbul und Pete Engelhart Effects sowie diverse Bell Trees, Repinique, Gongs und Tempelglocken
  • Ikea „Knod" Blecheimer
  • unzähliges auf diversen Forschungs- und Vergnügungsreisen erworbenes Klangmaterial und Schepperwerk

 

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