Bernard Purdie

Unzweifelhaft ist dieser Mann eine Legende, und nicht ganz zu Unrecht nennt man ihn „The World’s Most Recorded Drummer". Geboren wurde er 1939 in Elkton, Maryland als elftes von insgesamt fünfzehn Kindern. Schon in frühester Kindheit hatte „Bugsy" Purdie nichts anderes als Trommeln im Kopf, und seither spielte er auf mehr als 3.000 Platten, darunter Steely Dan, King Curtis, Aretha Franklin, Miles Davis, Quincy Jones, Isaac Hayes, B. B. King, Joe Cocker, James Brown, Tom Jones, Paul Simon, Dizzy Gillespie, Roy Ayers, Richard Tee, Grover Washington Jr., Freddie Hubbard, Felix Pappalardi, Michael Bolton, Paul Butterfield, Garland Jeffreys, Jackie Lomax, Louis Armstrong, Gato Barbieri, Nina Simone, Percy Sledge, Roberta Flack, Donny Hathaway, Marvin Gaye und den Jackson Five. Diese beeindruckende Liste von Musikern ist längst nicht komplett, es sind wirklich nur einige der Künstler, bei denen Bernard Purdie im Laufe seines Lebens getrommelt hat.

Doch auch im hohen Alter von inzwischen 62 Jahren ist das Drumming von Bernard „Pretty" Purdie immer noch ein wichtiger Bestandteil der aktuellen Musikszene – nicht zuletzt dadurch, dass man im HipHop und Acid Jazz oft seine Drum-Grooves als Samples wiederfindet. Bruno Kassel hat sich mit dem Anekdote an Anekdote reihenden, gemütlichen Senior der Trommlerszene zum STICKS-Talk getroffen.

 

Bernard, wie, beziehungsweise wann, bist du erstmals mit der Welt des Rhythmus in Verbindung gekommen?

Unter Zuhilfenahme der Töpfe und Pfannen meiner Mutter, als ich etwa drei Jahre alt war!

Du hast also die Küche deiner Mutter in Einzelteile zerlegt?

Nun, sie hat mich relativ schnell gestoppt, damit ich kein größeres Unheil in ihrem Refugium anrichte, etwa nach dem zweiten kaputtgespielten Topf. Ich trommelte mit Messer und Gabel, und sie guckte sich das an, sagte dann: „No more, Bugsy! Du musst das richtig lernen, wenn du es wirklich gut machen willst, und nicht nur einfach wild auf alles losschlagen und die Sachen kaputtschlagen." Das war die Initialzündung für mich, denn es machte Sinn, was sie mir da sagte, ich wollte das Drumming dann auch wirklich richtig lernen. Ich konzentrierte mich also auf richtige Figuren und unterschiedliche Grooves, und als ich dann mit etwa fünf Jahren mein zweites „Pots and Pans"-Set bekam, war ich schon richtig gut – aber ich spielte immer noch mit dem gleichen Messer und derselben Gabel.

Ich nehme an, dass du zur Musik aus dem Radio oder zu Schallplatten getrommelt hast zu jener Zeit ...

... das stimmt nur zum Teil, denn das Radio befand sich ja im Haus. Dort hörte ich mir die Musik an, aber weil ich dann ja nicht den ganzen Tag diesen Lärm machen konnte, musste ich meistens hinaus vor das Haus gehen, um dort zu trommeln. Insofern konnte ich nie direkt zu der Musik aus dem Radio spielen, sondern musste immer alles im Kopf speichern, um es dann anschließend vor dem Haus wieder nachzuspielen ...

... wann hast du denn erstmals mit einem richtigen Lehrer gearbeitet?

Als ich ungefähr sieben oder acht Jahre alt war, konnte ich bereits auf einem richtigen regulären Drumset spielen – aber ich besaß noch keins! Ich habe dann Mr. Haywood, den Musiklehrer kennen gelernt, der in den Schulen in unserer Gegend nachmittags gegen Bezahlung Musik unterrichtete. Bei ihm habe ich dann gelernt, anderen Instrumenten zuzuhören, indem ich bei seinem Unterricht als stiller Zuhörer in der Ecke auf einer Treppe sitzen durfte. Er unterrichtete andere Kinder am Drumset, am Piano und an einigen anderen Instrumenten. Ich durfte seinem Unterricht auch nur deshalb beiwohnen, weil ich im Gegenzug alle Instrumente, die kaputt gingen, wieder reparierte. Wenn dieser Lehrer einem anderen Schüler demonstrieren wollte, wie bestimmte Sachen korrekt gespielt werden, rief er mich kurz zu sich herüber, ich durfte mich ans Drumset setzen und es kurz anspielen, und dann schickte er mich sofort wieder hinüber auf mein Treppchen. Am Piano hat er mich nicht unterrichtet, aber ich habe ihm Hunderte und Tausende Stunden auf seine Finger geguckt, wenn er Piano spielte, von daher wusste ich genau, wie man Akkorde oder Tonleitern auf dem Piano spielt.

Als ich dann acht oder neun Jahre alt war, konnte ich schon meine ersten Sachen mit richtigen Bigbands spielen, denn ich war „the little kid", ich wurde von meinem Lehrer zu allen Musikveranstaltungen geholt, um dort das Drumkit aufzubauen und den Soundcheck zu spielen. Ich habe die Drumsets aufgebaut für Duke Ellingtons Band, für Count Basie, Lloyd Price, James Brown, Ray Charles und viele andere Acts, die in unsere Gegend kamen. Wenn diese Bands dann den Soundcheck machten, habe ich meistens immer die Drums gespielt, weil deren Drummer oft später in der Halle ankamen. So kam es, dass diese Bands dann merkten, dass ich richtig gut trommeln konnte, und sie mir die große Ehre zuteil werden ließen, abends im Konzert ein oder zwei Songs mit ihnen zu spielen. Ich kann kaum beschreiben, wie stolz ich war, mit all diesen Leuten und ihren wunderbaren Bands auf einer Bühne auftreten zu dürfen! It was the greatest thing in the world for me!

... wie bist du denn eigentlich zu deinem Spitznamen „Pretty" gekommen?

Das passierte genau in dieser Anfangszeit in New York, als ich dort die ersten Leute aus dem Musikbusiness kennen lernte und viele von ihnen einfach Probleme hatten, meinen Nachnamen Purdie richtig auszusprechen. Sie nuschelten sich dann irgendwas zusammen, und so klang ein schnell gesprochenes
„Purdie" plötzlich wie „Pretty". Nach etwa einem Jahr ließen die meisten Leute dann meinen Vornamen weg und nannten mich nur noch „Pretty Purdie". Das hat sich dann verselbständigt, und nach mehr als zehn Jahren in der New Yorker Studio-Szene gab es kaum noch jemand, der meinen eigentlichen Vornamen überhaupt kannte.

Du wurdest also in New York eine durchaus bekannte Persönlichkeit...

... oh yeah, aber das dauerte natürlich einige Jahre. Ich lernte immer mehr Leute kennen, sowohl Musiker als auch aus den Management-Etagen der Plattenfirmen. In dieser Zeit habe ich Hunderte von Demo-Sessions getrommelt, für Soul-Labels wie Atlantic, Motown und Stax, für Gospel-Labels wie Savoy-Records. Mitunter habe ich bis zu zwanzig verschiedene Recording-Sessions in der Woche gespielt! Es gab in jener Zeit wirklich nur eine Handvoll Schlagzeuger, die man in den New Yorker Studios traf, und ich war neben Gary Chester und ein paar anderen Kollegen einer von ihnen. Wir spielten alle Arten von Musik. Einige von dieser Trommlern spielten hauptsächlich für TV-Shows, für die Ed Sullivan-Show und andere Programme mit Live-Bands. Man muss sich das mal vorstellen: In dieser riesigen Metropole New York gab es in den sechziger Jahren maximal ein Dutzend Drummer, die so gut wie alle verfügbaren Jobs spielten, und die darüber hinaus Noten lesen konnten. Nach einigen Jahren kam ich dann an einen Punkt, wo man mich auch direkt für Master-Sessions buchte ...

... ich hatte in den ersten Jahren der Sechziger etwa fünf Jahre lang mit Les Paul gespielt, und nun saß ich plötzlich seinem Sohn Gene gegenüber, der in diesem Studio als Toningenieur arbeitete. Durch Gene Paul habe ich gelernt, zu einer anderen, bereits vorhandenen Schlagzeug-Spur noch ein Drum-Overdub zu machen. Weil ich mich für diese technischen Spielereien interessierte und mich auch relativ schnell mit dem Overdubbing vertraut machte, wurde ich natürlich auch von so
vielen Produzenten für all diese unzähligen Plattenaufnahmen gebucht.

Warum gibt es denn auf deiner Website www.bernardpurdie.com keine komplette Discographie von dir?

Oh, die wäre viel zu lang, ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich Leute gibt, die sich das von vorne bis hinten durchlesen würden. Schon alleine die Liste der größten Hits, auf denen ich getrommelt habe, wäre etwa zwischen 150 und 200 Einträge lang. Ich will die Besucher meiner Webpage ja nicht mit solch endlosen Listen langweilen. Außerdem könnte eine solche Discographie sowieso nie ganz komplett sein, weil ich selbst ja schon gar nicht mehr alle Produktionen erinnere, auf denen ich gespielt habe ...

... wie hast du denn eigentlich deinen legendären „Purdie-Shuffle" entwickelt?

Nun, ich gebe ja seit vielen Jahren Schlagzeug-Unterricht, und ich wurde immer wieder gefragt, ob ich nicht mal den Purdie-Shuffle vorführen könnte. Die meisten Leute machen immer den Fehler, dass sie solche Sachen viel zu schnell spielen, einfach nicht laid back genug. Wenn man so eine Figur wie den Purdie-Shuffle zu schnell spielt, verliert man die Wirkung, die ja dabei in der Einfachheit liegt. Das ist wie bei einer Dampflokomotive, die läuft auch am besten in einer bestimmten Geschwindigkeit, wo die ganzen Kolben und Gestänge optimal arbeiten. Die Idee hinter dem Purdie-Shuffle ist folgende: Dass man in der Lage ist, alle Schlagzeug-Noten spielen kann, die in der Musik gebräuchlich sind, und dass man damit eine sinnvolle Kombination davon erzielt, um die Musik zum swingen und zum grooven zu bringen. Nicht nur, dass die Kombination rein spielerisch gelingt, sondern dass man auch Spaß beim Spielen der Triolen, Viertel, Achtel, Sechzehntel oder Zweiunddreißigstel-Noten hat. Indem ein Drummer diese Noten sinnvoll benutzt, erzeugt er sein eigenes Vakuum, in welchem er seinen eigenen Backbeat persönlich gestalten kann. Mit diesen simplen Tricks kann man das Gefühl, den Anspruch, den Rhythmus oder die Melodie maßgeblich beeinflussen.

Wenn man das richtig anwendet, ergibt sich daraus automatisch die richtige Dynamik. Es ist wirklich wie bei einer Dampflok, die perfekt nach vorne stampft und sich in einem gleichmäßigen Tempo nach vorne bewegt!

Interview & Fotos: Bruno Kassel

 

Das vollständige Interview lesen Sie in der STICKS-Ausgabe 02.2002; erhältlich ab dem 25. 01. 2002 im Zeitschriftenhandel und in guten Musikfachgeschäften.

 

Auswahl Discografie

Solo-Alben von Bernard „Pretty" Purdie:

  • 1968 – „Soul Fingers"
  • 1968 – „Soul Drums"
  • 1971 – „Stand By Me"
  • 1971 – „Purdie Good"
  • 1972 – „Soul Is ... Pretty Purdie"
  • 1974 – „Shaft"
  • 1974 – „Delights Of The Garden"
  • 1993 – „Purdie As A Picture"
  • 1993 – „Tokyo Jazz Groove Sessions"
  • 1993 – „After Hours With The 3B’s"
  • 1994 – „Coolin And Groovin"
  • 1994 – „The Hudson River Rats"
  • 1996 – „Kick ‘n Jazz"
  • 1997 – „Soul To Jazz 1"
  • 1998 – „Soul To Jazz 2"
  • 1998 – „In The Pocket"
  • 1999 – „Get It While You Can"
  • 2001 – „King Of The Beat"

Die „Top 100 Songs und Künstler", bei denen Bernard „Pretty" Purdie getrommelt hat finden sich auf seiner Website
www.bernardpurdie.com

Hier noch eine kleine Auswahl der absolut essentiellen „Purdie Greatest Hits":

King Curtis:

  • King Curtis At Filmore West (Album)

Aretha Franklin:

  • Rock Steady
  • I've Been Lovin’ You Too Long
  • Natural Woman
  • Chain of Fools
  • I Say A Little Prayer
  • Think
  • Spanish Harlem
  • Baby, I Love You
  • Dr. Feel Good
  • Do Right Woman, Do Right Man
  • R.E.S.P.E.C.T.

Steely Dan:

  • The Royal Scam
  • Green Earrings
  • Kid Charlemagne
  • The Fez
  • Sign In Stranger
  • Haitian Divorce
  • Home At Last
  • Babylon Sisters

Brook Benton:

  • Midnight Train To Georgia

Miles Davis:

  • Bitches Brew
  • Get Up With It
  • Get Up With It, Part 2

Roberta Flack:

  • The Closer I Get To You
  • I Feel Like Making Love
  • Hall & Oates – She's Gone
  • Isaac Hayes – Theme From Shaft
  • Quincy Jones – Walking In Space
  • B.B. King – The Thrill Is Gone
  • Van McCoy – The Hustle
  • Paul Simon – Love Me Like A Rock
  • Percy Sledge – When A Man Loves A Woman

 

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