Dirk Sengotta

Manch „intellektueller Stau" in der Deutschen Musikbranche erzwingt eine Ohnmacht, der man sich nur mit positivem Vorwärtsdenken entziehen kann. Dirk Sengotta zählt zu den begnadeten Top-Schlagzeugern dieses Landes. Außerdem ist Dirk mehr als nur eine Adresse grooviger Pop-Drums im eigenen Lande: Seine funky Grooves haben auch amerikanische Künstler wie die Pointer Sisters, Rufus Thomas, Fred Wesley, Junior Walker, Gloria Gaynor und noch einige andere zu schätzen gelernt. Hierzulande profitierten z.B.Anne Haigis, Tic Tac Toe, Stefan Raab und zuletzt auch Sasha von der unglaublichen Power dieses Mannes, der stets neue Ideen entwickelt, nach vorne geht, kreativ zu arbeiten versteht – und sich dabei um die Entwicklung des Deutschen Musikkultur so einige Sorgen macht. In einer aalglatten Branche ist er manchmal der vielleicht unbequeme Geist, der als Produzent und Drummer kein Blatt vor den Mund nimmt.

Als Tour- und Studio-Drummer gehörst du ja zu denjenigen, die lange Zeit mit großem Erfolg so richtig im Geschäft waren. Neben der amerikanischen Black Music Scene hast du vor allem Deutsche Popacts bedient. Der letzte Big Gig war Sasha. Und mit einem Schlag ist alles anders, was ist los?

Zum Glück gehöre ich ja noch zu den ziemlich bekannten Typen in Deutschlands Pop-Szene. Aber nachdem ich bei Sasha aufgehört habe – das war so Ende 2000 – gab es einen ziemlichen Einbruch. Da spielst du jahrelang mit den Promis auf der Bühne und plötzlich ist Feierabend, da bist du echt wieder ganz unten.

Warum hast du bei Sasha überhaupt aufgehört? Ein Winning-Team verlässt man doch nicht so ohne weiteres?

Ich hab mit dem „Pommes", einem der beiden Produzenten, früher mal in einer HipHop-Band gespielt. Als Sasha populär wurde, holten sie mich dazu und es war dann auch eine superkompakte Band bis zu dem Punkt, als man anfing, alles auseinander zu pflücken. Mittlerweile ist der Keyboarder weg, der Gitarrist ist auch nicht mehr da und der einzig übrig
gebliebene ist Ray, der Bassist.

Aber ich bin ja nicht weg, weil die mich geschmissen haben. Es war letztlich eine Summe von Missverständnissen, die dazu führte. Manchen Leuten passte es nämlich nicht, dass ich ein sieben Minuten langes Drumsolo machte, eine richtig saftige Nummer mit Lightshow und allem drum und dran. Ich hatte noch meine spiky Haare und kam bei den Teenies total gut an. Auch bei Fernseh-Gigs liefen ständig die Kameras um mich rum, weil bei mir halt immer was los war. Im Publikum gingen sogar Transparente hoch mit meinem Namen drauf. Für die Produzenten aber war das ein rotes Tuch und man gab mir zu verstehen, dass ich hier nicht der Star sei. Weil ich zu der Zeit auch noch anfing im Dierks Studio als Produzent zu arbeiten und deswegen einen Sub brauchte, war das wieder mal ein Dorn im Auge. Man wollte lieber Background-Musiker haben und die dann ganz exklusiv. Natürlich war Sasha ein Fulltime-Job. Ich war jede Woche mehrfach im Ausland, wurde morgens vom Chauffeur-Service abgeholt und zum Flughafen gefahren. Das war ein schönes Leben, denn du kriegst was von der Fünf-Sterne-Ambiente mit. Und plötzlich wurde mir die Herbsttour 2000 abgesagt.

Warst du aufgrund all der Probleme nicht doch froh über diese Entscheidung?

Nein, ich war enttäuscht, denn ich bin davon ausgegangen, diese Tour zu spielen, und wir waren als Band ja anderthalb Jahre komprimiert zusammen. Das ging vom ersten Auftritt schlagartig los, von der Bravo Supershow 98, dann Top of the Pops und immer mehr. Zeitweise haben wir hier bei mir im Dierks Studio geprobt. So eine Zeit bleibt natürlich hängen, und wenn man sich dann von heute auf morgen nicht mehr sieht, dann tut das schon ein bisschen weh ...

... ich bin ein bodenständiger funky Drummer – da, wo es um den Kick geht und den richtigen Schub nach vorne, da bin ich zuhause. „Einsortieren" würde ich mich in Soul, Funk, R&B. Außerdem steh’ ich auf HipHop ...

... mein großes Vorbild war immer Jeff Porcaro. Für mich ist er einer der brillantesten Trommler die je gelebt haben. Drummer, die mit Präzision spielen, sparsam sind, aber genau im richtigen Moment und punktgenau Impulse setzen, das sind für mich die besten der Welt. Jeff hat perfekt getrommelt, oft einfach, aber immer so musikalisch, dass es mit der Musik regelrecht verschmolz. Ich könnte nie so ein Colaiuta-Typ sein, der auch beim Essen noch unterm Tisch trommelt. So was hab’ ich bis zu meinem 18. Lebensjahr gemacht und das reicht. Techniker am Schlagzeug haben wir genug auf der Welt. Damit werden wir ja totgeschmissen. Es interessiert keinen mehr, wie schnell man trommelt.

Um als Drummer bzw. Produzent zum Beispiel im HipHop-Bereich arbeiten zu können, muss man sich ja wohl mit den
Hintergründen der Styles befassen ...

... man muss einfach kapieren, warum HipHop, Jungle oder Drum`n`Bass Grooves so speziell sind, ansonsten spielt man an der Sache vorbei. Hier geht’s darum, Loopsnachzuspielen und den typischen Approach des Programmierten auf dem Schlagzeug umzusetzen. Viele programmierte Drumbeats setzen sich aus geloopten Phrasen zusammen, die wurden komprimiert und wahrscheinlich fünfmal wieder neu gesampelt, so dass diese komisch bearbeiteten Loops entstehen. Das ist das System von „Stille Post", bei dem ja auch immer was verloren geht oder falsch hinzukommt. Und wenn man so was mit den Drums kopiert, muss man drauf achten, dass man die Beats wie eine Maschine spielt. Dadurch öffnen sich Türen, denn du entdeckst plötzlich andere Ansätze. Dazu gehört aber auch, dass man sich intensiv mit den Themen befasst, um das „Warum" zu verstehen. Bei Drum’n’Bass findet man z. B. oft eine Ansammlung typischer James-Brown-Grooves. Jungle ist der Vorgänger von Drum`n`Bass, und hier ist der Charakter ein bisschen simpler, z.B. läuft die Hi-Hat meist ganz straight durch. Aber so was zu spielen ist sehr heftig.

Wirst du die Zweigleisigkeit Schlagzeuger und Produzent in Zukunft beibehalten?

Meine Leidenschaft sind die Drums, aber ich muss das Studio laufen lassen ...

... das „muss" hört sich jetzt nicht gerade euphorisch an ...

... ich bin derzeit einfach sehr enttäuscht von der Deutschen Musikszene. Die Plätze sind rar und der Studio-Drummer scheint irgendwie ausgestorben zu sein. Das macht mich irgendwie traurig und ich weiß nicht, wo das noch hingehen soll. Hier in Deutschland bist du teilweise verraten und verkauft. Die Musikbranche ist wie eine Wegwerfgesellschaft, einen mal spielen lassen und dann weg! Ich hab’ beim Raab getrommelt, beim Sasha, bei Nino und bei all den Amis und plötzlich ist alles weg. Da stehst du auf der Straße – und wenn ich jetzt nicht zufällig das Studio hätte, dann würde ich wahrscheinlich irgendwo in der Fabrik arbeiten. Das ist völlig krass.

Wie sehen deine konkreten Zukunftspläne aus?

Ich werde mein Soloalbum fertig machen, und da hab’ ich auch schon ein paar Adressen, bei denen ich mal anklopfe. Einer meiner größten Träume ist es, Allan Holdsworth als Gitarristen auf meinem Album zu haben. Und wenn ich mal Luft habe, dann geht’s los. Ich hab’ mir vorgenommen, bei diesem Album nur nach Gefühl zu arbeiten. Und dass dabei womöglich was Kommerzielles rauskommt, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Das zweite Thema ist ein Drum-Konzept fürs Dierks Studio, was auf dem Hintergrund meiner langjährigen Live-Schlagzeug-Spezialisierung beruht. Ich biete also den Service eines von mir live eingespielten Schlagzeugs mit Supersound an. Außerdem hab’ ich mit Karim von der letzten „Big Brother"-Staffel eine Single aufgenommen. Es ist eine reine Trommelsache, weil Karim ein richtig guter Perkussionist ist. Und dann kommt ja noch das Showdrumming. Schlagzeug ist halt mein Ding und das wird es auch immer bleiben!

Interview und Fotos: Tom Schäfer

 

Das vollständige Interview lesen Sie in der STICKS-Ausgabe 02.2002; erhältlich ab dem 25. 01. 2002 im Zeitschriftenhandel und in guten Musikfachgeschäften.

Equipment

Drums: Yamaha

Maple Custom Absolute (Champagne Sparkle)

  • 22" x 16" Bassdrum
  • 10" x 8" Tom
  • 12" x 8" Tom
  • 16" x 14" Tom
  • 13" x 7" Akira Jimbo Snaredrum

Hardware und Pedale: Yamaha

Cymbals: Paiste

  • 15" Traditionals Hi-Hat
  • 18" Traditionals Thin Crash
  • 18" Innovations Crash
  • 22" Ride
  • 8" Traditional Splash
  • 5" Cup Chime

Felle:

  • Bassdrum: Aquarian Force I Batter
  • Toms: Remo Amassador
  • Snaredrum: Remo Pinstripe

Drumsticks: Kit Tools Jazz 8D

 

REFERENZEN

  • 1990 Nino De Angelo (Tour, TV, Studio)
  • 1991 Anne Haigis (Tour, TV, Studio)
  • 1991 Rufus Thomas (Tour, TV, Studio, Produzent des Albums „Timeless Funk")
  • 1993 Pointer Sisters (TV, Live)
  • 1993 Percy Sledge (TV)
  • 1994 Angelo Branduardi (TV)
  • 1995 John Hiatt (TV)
  • 1996 Junior Walker (Tour)
  • 1996 Tic Tac Toe (TV)
  • 1996 Andru Donalds (TV)
  • 1997 Fred Wesley (Tour)
  • 1997 Stefan Raab (TV, Tour)
  • 1998 Gloria Gaynor (Studio, Produzent des Albums „What A Life")
  • 1999 Sasha (TV, Tour)

 

Discografie (Auszug)

  • Nino De Angelo – Verfluchte Zeiten
  • Exponential Enjoyment – Expos Jazz & Joy
  • Gloria Gaynor – What A Life
  • Al Griffin – Al Griffin
  • Risquee – Upside Down
  • Rufus Thomas – Blues Thang!
  • Rufus Thomas – Timeless Funk
  • The Time Tourists – Some
  • What’s Up – What’s Up

 

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