Tony Liotta

Credits: Tourneen, Konzerte u.a. mit Young Generation, Chaka Khan, Angelo Branduardi; Zusammenarbeit mit Kenny Aronoff, Bernard Purdie, Mel Gaynor, Fredy Studer, Carlo Cori, Gianna Nannini, Rocky Roberts, John C. Marshall, Minor Rogalla, Steve Clark, Gregg Brown, Eddie Oliva, David Lyme, Allan Cook; rund 200 Alben eingespielt, u.a. die aktuell bei Sony erschienene CD von Carlo Cori

Ausbildung bei: Steve Gadd, Gerry Brown, Will Kennedy

Workshops mit: Manni von Bohr, Hakim Ludin, Fredy Studer, Mel Gaynor

Eigene Bands: Kaktus, Toros (80er Jahre), Human Steps (Funk-Formation, 90er Jahre), aktuell: Men At Jazz

Solo-CDs: Human Steps, Men at Jazz, Colours Of Life

Aktuell: Produktion mit dem Sänger Louis Virie Blanche

 

Tony Liotta ist ein unglaublicher Workaholic, ein leidenschaftlicher Trommler, Liebhaber der Real-Sounds und Forscher in Sachen Rhythmuswelten. Seit mehr als 25 Jahren ist er im Geschäft und trommelte sich auf der Karriereleiter zwischen New York, Italien und Bochum konsequent nach oben. Für ihn gibt es nur ein Ziel: Die Faszination um Trommeln und Rhythmen so zu bündeln, dass am Ende das Gesamt-Groove-Soundwerk Tony Liotta entsteht. Er konnte seine Fähigkeiten als Arrangeur und Komponist mittlerweile auf Konzerten und Touren in ganz Europa und USA beweisen. Gerade wurde seine neue CD „Colours of Life" veröffentlicht und schon steckt der freundliche Italoamerikaner wieder in neuen Ideen, die ihm am liebsten bei einem guten Essen einfallen.

 

Du bist sehr viel unterwegs, spielst Tourneen, Session-Gigs, hast deine eigene Drumschool und bist auch im Studio ein gefragter Musiker, was deine Credit-Liste mit über 200 Produktionen beweist. Woher hast du eigentlich all die Kontakte?

Nun, ich bin ja seit so vielen Jahren im Geschäft und es fügt sich eins zum anderen. Ein wichtiger Startpunkt war damals mit 17 mein fester Job beim italienischen Fernsehen in einer Late Night Show, vergleichbar mit der in Deutschland bekannten Samstag Nacht Show. Ich hab viele Künstler begleitet und kennen gelernt. Und selbstverständlich knüpfst du in einer solch einmaligen Situation wichtige Kontakte.

Liegen deine Wurzeln in Italien?

Nein, ich bin zwar in Italien geboren, aber als ich 6 Monate alt war, zog meine Familie nach New York. Die künstlerische Ader kommt

sicherlich durch den Einfluss der Familie, denn mein Vater ist Musiker und auch Stepptänzer, mein Cousin Ray Liotto ist ja mittlerweile ein bekannter Schauspieler. In New York bin ich dann zur Buddy Rich Highschool gegangen, hatte bei Steve Gadd Unterricht, bei Will Kennedy und anderen tierisch guten Drummern. Später ist die Familie nach Deutschland gezogen, ich besuchte zwischenzeitlich noch das Musikkonservatorium in Turin und irgendwie pendelte ich zwischen Deutschland, USA und Italien hin und her.

Hast du jemals den Plan gehabt, dass dies alles so reibungslos funktionieren würde?

Ich war damals zehn Jahre alt, als mein Vater die Band Young Generation produzierte. Bei den Aufnahmen war irgendwie der Drummer nicht da. Er kam einfach nicht und so sagte ich meinem Vater, ich werde die Drums spielen. Letztendlich war ich dann auf einer Platte die millionenfach verkauft wurde. Seit dieser Zeit war mir klar, dass ich Profi-Drummer werden wollte. Natürlich klappte das nicht von heute auf morgen und zwischendurch musst du halt Kellnern gehen. Aber das Ziel war ganz klar.

Gerade ist dein neues Solo-Album „Colours Of Life" erschienen. Welche Story verbirgt sich dahinter?

Viele denken ich sei in erster Linie Dozent, aber meine Creative Fields erstrecken sich auch auf die Bereiche Tour- und Session-Musiker. Als permanent aktiver Schlagzeuger und Perkussionist hab ich dann doch die Zeit gefunden, Songs für mein neues Album zu schreiben – was im übrigen sehr perkussiv geworden ist. Das interessante bei der Arbeit war, dass ich zunächst die kompletten Schlagzeugpartituren geschrieben habe, alle Beats, Kicks, Grooves usw. und erst dann hab ich weitere Musiker hinzugezogen und die Aufnahmen mit Keyboards, Gitarre, Bass und Saxophon zu Ende gebracht.

Nach welchen Kriterien hast du die Studiomusiker ausgewählt? Denn das ist ja in Anbetracht einer rhythmusdominierten Sache keine leichte Aufgabe?

Ich hab mir gezielt die Leute ausgesucht, die in der Lage waren, den drums-betonten Tunes eine passende Atmosphäre zu geben, denn ich wollte keineswegs ein reines Trommel-Album und hab daher gemeinsam mit den Musikern die Harmonie-Arrangements, Strukturen und Melodielinien eingefügt.

Gab es wichtige Eckpunkte in deiner Karriere?

Damals in den 80ern spielte ich mit der Band Kaktus, und diese Formation hat mir viele Türen geöffnet. Denn wir tummelten uns in der Szene zusammen mit Nina Hagen und Extrabreit. Später hab ich mich von der Rock-szene aber mehr und mehr entfernt, denn ich fühlte mich immer schon als Allround-Drummer und wollte mich nicht auf ein Genre festlegen. So habe ich mich dann in der Fusion-Szene wiedergefunden.

Ich bin mit Percussion und Schlagzeug groß geworden. Früher war es mehr Drumming, denn das war hip, später mehr Percussion. Schließlich hab ich beides zusammengefügt. Ich experimentiere gerne, entwickle neue Grooves und suche ständig nach neuen Sounds. Vor allem interessieren mich die Real Sounds, also die echten und handgemachten akustischen Klänge, weniger der elektronische Bereich. Wenn du auf meiner Platte Wasser hörst, dann ist es wirklich Wasser. Voices, Geräusche, Atmosphären, alles ist echt. Ein Drummer muss in der Lage sein, möglichst vielseitig spielen zu können. Für mich gibt es die Unterteilungen Jazz-Drummer oder Rock-Drummer nicht. Mein Ziel war es immer, in jedem Stil Präsenz zu zeigen. Um so größer ist die Chance, stets Arbeit zu haben. Die vielseitige Orientierung hat vielleicht einen eigenen Stil geprägt. Und der heißt Tony Liotta!

Was aber ist es, das dich ausmacht? Was schätzen die Leute an dir?

Hm ... vielleicht, dass ich gute Restaurants kenne und gerne essen gehe ... ha, ha! Ein Riesenvorteil ist natürlich, dass ich Drums und Percussion spielen kann. Zwei Fliegen mit einer Klappe, das spart Produktionskosten. Außerdem bin ich sehr schnell im Studio, ich lese gut und hab ein gutes Ohr. Aber ich dränge meine Qualitäten keinem auf, sondern ordne mein Talent ganz subtil der Idee einer Komposition unter. Produzenten haben direkt gute Laune wenn sie merken, der Drummer denkt musikalisch, übergeordnet. Egal ob live oder im Studio, für mich ist der Schlagzeuger ein enorm wichtiger und einflussreicher Musiker. Ich denke, 50 Prozent der Band macht der Drummer aus. Wenn der nicht gut ist, dann kannst du die besten Bassisten und Sänger haben, es wird nicht funktionieren. Der Drummer ist das Herz der Band.

Du hast ohne Unterlass rund um die Uhr zu tun, bei Konzerten, Workshops, Sessions, in der Drumschool. Gibt es da auch Projekte, die du ablehnst?

Man muss sich Zeit nehmen, um Arbeiten gut zu machen und genau so viel Zeit nehmen, Dinge abzuwägen und etwas nicht zu machen. Das sind dann eher menschliche Gründe. Denn ich mach Musik mit dem Menschen neben mir.

Woher nimmst du deine Power? Neben den vielen Gigs betreibst du ja auch noch deine eigene Drumschool in Bochum ...

... die Musik gibt mir Power zurück. Gute Konzerte verschaffen mir frische Energie. Ich hab einfach diese Kraft. Sobald ich am Schlagzeug sitze, vergesse ich alles um mich herum, ich bin mit meinen Instrumenten und den Sounds verheiratet. Musik ist meine Leidenschaft. Ich komme von einer harten amerikanischen Schule. Dort zu arbeiten ist verdammt schwer, denn man akzeptiert kein Mittelmaß, es gibt keine Zwischenlösungen. Man unterscheidet in gut oder schlecht. Und wenn du einen Job in der Kneipe für 50 Dollar spielen willst, dann musst du einfach verdammt gut sein. Da ist Musikalität gefragt. Die Konsequenzen des Drummer-Business waren mir von vorn herein klar. Du brauchst Ausdauer, musst spieltechnisch top sein und dich auch persönlich den Anforderungen anpassen können. Und nach 8 Stunden Arbeit darfst du nicht die Sticks fallen lassen. Ich mache 8 Stunden Unterricht, spiel abends noch einen Studio-Job und am nächsten Tag hab ich einen Gig im Jazzclub. Das ist ideales Training, auch für die mentale Seite. Als Drummer brauchen wir die physische und mentale Unabhängigkeit. Auch Improvisationsstärke ist meiner Meinung nach sehr wichtig, nicht nur für den Tagesablauf und die Logistik der Termine, sondern auch am Instrument. Sonst verkümmerst du hinter den Partituren.

Gibt es aus deiner Perspektive als Lehrer etwas ganz zentral wichtiges?

Es ist in erster Linie das Verständnis für Groove. Ich habe festgestellt, dass viele Europäer unbewusst gegen ihre eigene Physis arbeiten, sie gehen oder laufen zum Beispiel falsch und achten nicht auf den eigenen Puls. Manchmal sitz ich im Cafe und schau mir die vorbeigehenden Leute an und zähl die Beats die sie gehen – da fällst du teilweise echt vom Hocker. Du kannst kein gutes Timing entwickeln, wenn diese rudimentäre Bewegung schon nicht funktioniert. Dann hast du Koordinationsprobleme. Der Körper ist das Instrument des Drummers. Als damals der Walkman aufkam und alle mit dem Knopf im Ohr rumliefen, hab ich mir anstatt Musik den Click aufgenommen und bin mit dem Walkman zum Metronom gelaufen. Meinen Lauf, meine Bewegungen habe ich also dem Click angepasst. Viele Schlagzeuger trainieren die Spieltechnik, aber Technik alleine hilft nichts. Es geht immer nur um den Groove. Das ist das A und O.

Gerade die vermeintlich einfachsten Dinge sind ja oft die Schwierigsten ...

... klar, man lernt sehr viel durch musikalische Konzepte, durch das Spielen mit Bands und Verstehen von Arrangements. Hier sind wir wieder am Punkt des übergeordneten Denkens. Man muss sich vom reinen Trommelgedanken lösen können und das Ganze hören. Für mich gibt es nichts schöneres im Studio als den perfekten First Take. Das ist der Beweis, die Musik verstanden zu haben. Manche Drummer versuchen als Gadd-Kopie ihre Position zu behaupten, aber das ist genau der falsche Weg. Mich hat nie interessiert was Gadd gespielt hat, sondern was er gedacht und gefühlt hat. Die mentale Seite führt zur musikalischen Reife und die ist viel höher zu bewerten als Technik und Geschwindigkeit.

Gibt es für dich den ultimativen Groover?

Steve Gadd ist für mich der Master. Der hat Soul und jede seiner Noten stimmt.

Es ist selten, dass jemand Schlagzeug und Percussion kombiniert. Die Technik ist unterschiedlich, eben Hand- oder Stick-Spielweise. Wie gehst du hier vor?

Nun, der Stick ist nur die Verlängerung deiner Hand. Das Denken ist anders, aber die Technik nicht. Ich setzte die „Stick Control"-Technik auch bei den Congas ein, trainiere Rudiments mit den Händen und kann genauso Rolls auf den Congas spielen. In Bezug auf die Technik also so, wie es auch Giovanni Hidalgo drauf hat.

Perspektiven für die Zukunft?

Geplant sind Workshops für Remo und Paiste, und ich werde mein Album „Colours of Life" auch als Play-Along produzieren. Dann wird es wahrscheinlich auch eine „Human Steps II"-CD geben. Aber an allererster Stelle steht: Keep on drumming for the rest of my life!

Interview und Fotos: Tom Schäfer

 

EQUIPMENT

Drums: Remo Master Edge

  • 22x16 Bassdrum
  • 8x8, 10x9, 12x10, 14x12, 16x14 Toms

Snaredrums:

  • Remo 14x5,5 Silver Nickel Special Edition
  • Yamaha 10x4 Peter Erskine Signature Maple
  • Sonor Designer 12x4,5 Maple Light

Cymbals: Paiste

  • Special Light Blue/Turquoise Finish (Sonderanfertigungen)
  • 14" Exotic Percussion Tripple Raw Smash
  • 18" Exotic Percusion Dark Buzz China Set
  • 9" Dimensions Thin Splash
  • 11" Dimensions Thin Splash
  • 14" Dimensions Thin China
  • 6" Signature Splash
  • 10" Signature Micro Hat
  • 13" Signature Dark Crisp Hi-Hat
  • 14" Signature Hi-Hat Dark Crisp Hi-Hat
  • 14" Signature Fast Crash
  • 15" Signature Fast Crash
  • 16" Signature Fast Crash
  • 20" Traditional Light Flat Ride
  • 20" Traditional Light Ride

Hardware:

  • Premier Hardware
  • Pearl Racksystem
  • Tama Iron Cobra Double-Pedal

Felle: Remo

Sticks: Vater „Tony Liotta" Signature-Modell

Percussion:

  • Remo Tuff-E-Nuff Congas (10", 11", 11,75" und 12,5")
  • Remo 10"/12" Timbales
  • Remo Paulo Mattioli Djembe
  • Remo Bongos 7"/8"
  • Remo Bongo Stand
  • Schlagwerk Klangobjekte Cajon und Udu Drums
  • LP Tambourines
  • Meinl Chimes
  • div. Small Percussion: Pfeifen, Cowbells, Gongs, Tambourines, Shaker, Agogo-Bells, Rahmentrommeln, Oceandrum, Rainmaker etc.

Mikrofone: AKG

  • D 112, C 1000 S, C391, C 419, C 4000

Monitoring:

  • Hearsafe In-Ear Station
  • 2-Wege-Hörer
  • 2 Bass Shaker

Cases: Protection Racket

 

Das vollständige Interview lesen Sie in STICKS 02.2003; erhältlich ab dem 24. 01. 2003 im Zeitschriftenhandel und in guten Musikfachgeschäften.

Sticks 02/2003 Diese Ausgabe bestellen / STICKS abonnieren

Zum Inhalt Sticks 02/2003

 

© Copyright: Sticks - ein Magazin des MM-Musik-Media-Verlag GmbH