
| Wie bereits angekündigt werden wir uns in den
nächsten Workshop-Folgen mit den gebräuchlichen Formen der Schlagzeug-Notationen in
Songs beschäftigen, wie sie bei Studio-Sessions oder auch zur Tour-Vorbereitung bzw.
Band-Proben häufig eingesetzt werden. Im Pop- und Rock-Bereich werden meist keine vollständig ausnotierten Drum-Stimmen verwendet; die Songs werden meist in Form von sogenannten Lead-Sheets bzw. wie hier gezeigt anhand eines Master Rhythm Chart" den Musikern präsentiert. Ein Master Rhythm Chart" wird für die gesamte Band erstellt und enthält alle wesentlichen Informationen für den Songablauf in übersichtlicher Form. Dies sind die Angabe zum Tempo (hier 1/4 = 70 b.p.m.), zur Taktart (4/4) und des Stils (Schlager/Pop) sowie die Songstruktur bzw. die einzelnen Song-Abschnitte mit ihren verschiedenen Basic-Grooves, Harmonien, eventuell wichtiger einzelner Instrumentenstimmen (z.B. Bass-Lines, Unisono-Linien, Bläser-Kicks sowie wichtig für uns die Fill-ins und wichtigen Akzentuierungen). Oft finden sich zudem einige Anmerkungen des Produzenten/Arrangeurs/Musical Directors zu musikalischen Details oder zu gewünschten Sounds. Der Master Rhythm Chart" gibt also nicht nur den Songablauf wieder, sondern liefert oft auch gleich wichtige Informationen bzw. Ansatzpunkte bezüglich der Interpretation der Musik. Anhand des Master Rhythm Chart" des Songs Und wir wollten doch mal fliegen" von Michelle, möchte ich dies einmal from the top" durchgehen. Ins Auge fällt zunächst einmal eine gute Übersichtlichkeit, die einzelnen Song-Parts sind sofort zu erkennen: Intro (A), Verse I (B), Bridge I (C), Chorus I (D), Verse II (E), Bridge II (F), Wiederholung Chorus I (G), Chorus II (H; Guitar Solo), Chorus III (I) und Outro (J). Der Arrangeur Ulf Weidmann (Musical Director der Tour) hat übrigens bewusst dort, wo es nicht unbedingt erforderlich ist, auf Wiederholungszeichen, Dal Segno etc. verzichtet, was ebenfalls sehr zur Übersichtlichkeit beiträgt. Beim viertaktigen Intro sehen wir sofort, dass der Song auftaktig mit zwei 1/8-Noten auf der Zählzeit 4" beginnt und wir gleich in das 1/16-Feel des Basic Groove einsteigen. Gleich Takt 3 bietet schon die erste Überraschung mit einem kurzen Fill-in auf der Zählzeit 4", das in den dynamisch gemäßigteren Takt 4 (Snaredrum Sidestick) überleitet und so die Dynamik des Verse I vorbereitet. Der achttaktige Verse I ist im 1/8-Feel notiert (Snaredrum-Sidestick nur auf 4"); im 4. Takt finden wir wieder ein Fill-in (dieses mal allerdings bereits auf der 3" beginnend"), das den Vers somit in zwei Teile absetzt. In Takt 8 wird wieder ein kurzes Überleitungs-Fill zur Bridge gespielt, das die Dynamiksteigerung einleitet. In der viertaktigen Bridge I verbleiben wir zwar im gleichen 1/8-Feel, spielen den Snaredrum-Sidestick jetzt auf 2" und 4". Das ganztaktige Fill-in in Takt 4 der Bridge I führt uns zur nächsten Dynamikstufe des Chorus I. Entscheidend ist es, hier im Vorbeifliegen" den Akzent auf der 3" bitte mit zu bedienen. Chorus I erfordert nun wieder das 1/16-Feel des Intro-Grooves. Anders als im Intro bleibt das Bassdrum-Pattern hier immer gleich. Wichtig: Chorus I hat insgesamt 11 Takte, hier wird das übliche 8-, 12- oder 16-Takt-Schema gebrochen und so musikalisch Spannung erzeugt. Die drei letzten Takte dienen als harmonische Überleitung in den Verse II, das heißt für uns, die Dynamik mittels des Fill-ins in Takt 11 runter zu bringen. Obwohl es hier nicht explizit notiert ist, sollte einem erfahrenen Schlagzeuger schon klar sein, dass Verse II auch wieder im Feel von Verse I gespielt wird. Die Anmerkung des Arrangeurs (Drums: repeat grooves up from E until end) bestätigt dies, und sagt außerdem aus, dass dies für alle folgenden Song-Parts und Grooves gilt. Beim zehntaktigen Chorus II dienen wieder die beiden letzten Takte als Überleitung zum Chorus II (Guitar Solo). Das Solo beginnt bereits in der Wiederholung des Chorus I in Takt 10. Obwohl hier bezüglich der Drums nichts notiert ist, sollte uns die harmonische Modulation zum Chorus II zu bedenken geben, dass hier eventuell ein die dynamische Steigerung unterstützendes Drum-Fill gefragt sein könnte. Oder doch nicht? Hier empfiehlt sich in jedem Fall eine kurze Absprache mit dem Musical Director. Gesagt, getan, und ja, ein Drum-Fill an dieser Stelle ist tatsächlich eine gute Idee. Zur weiteren dynamischen Steigerung habe ich mich entschlossen, diesen Part auch nicht auf der Hi-Hat, sondern mit dem Ride-Cymbal zu spielen. Nach dem achttaktigen Guitar Solo des Chorus II leitet auf jeden Fall das im Chart angezeigte Drum-Fill in den Chorus III, der wieder zur ursprünglichen Grundtonart zurück moduliert. Hier gehe ich dann wieder auf die Hi-Hat zurück. Die Dynamik wird hier also nicht mittels der Lautstärke, sondern durch die Instrumentierung erzeugt, so dass sich die Parts deutlich voneinander absetzen, eine gewisse Spannung aber dennoch erhalten bleibt. Das Drum-Fill in Takt 8 des Chorus III leitet in das Instrumental-Outro über; hier weist uns die Schlussgestaltung schon darauf hin, das es etwas ruhiger zugehen sollte. In Takt 2 des Outros wird mit einem kurzen Fill-in der Schlusspunkt eingeleitet. Unter das Ritardando der Band wird von den Drums beginnend auf der Zählzeit 3" in Takt 3 ein sich dynamisch steigerndes Cymbal-Rauschen gelegt, dass auf der 1" von Takt 4 ausklingt. Beim nächsten Mal werden wir uns mit weiteren Interpretationsmöglichkeiten von nicht genau definierten Passagen in Master Rhythm Charts beschäftigen. martin stoeck
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