
| Als im Frühjahr der Superstar Shakira auch in
Deutschland für einige Shows vorbeikam, waren wir neugierig, wer denn in der
Live-Produktion die Drums und den Percussion-Part des hochkarätigen Latin/Pop-Acts
spielt. Zumindest war klar, dass die 26jährige kolumbianische Sängerin Isabel Mebarak
Ripoll mit ihrem wahrhaft danceable Programm auf jeden Fall gute Leute im Gepäck haben
wird. In dieser VIP-Kategorie" ist es nicht immer leicht den direkten Draht zu den Musikern zu schalten, so gilt unser Dank hier besonders Christian Koch von M&T, der den Kontakt herstellte. Entgegen dem südamerikanisch feurigen Sex-Appeal Shakiras überraschten die beiden Musiker Brendan Buckley (Drums) und Rafael Padilla (Percussion) in offensichtlich abgeklärter Weise und ließen uns an ihrem bodenständigen Blick aufs Business teilhaben.
Überdrehte Launen gehören einfach nicht zu einer aufwändig gestylten und bis in das letzte Detail geprobten Live-Produktion, die sage und schreibe fast zwei Jahre rund um den Globus reist. Natürlich wollten wir wissen, wie man an diesen Big Gig kommt, was das Tourleben so schreibt und welche Anforderungen an einen Musiker gestellt werden, der Tag für Tag in den größten Arenen die Latin/Pop-Drums knallen lässt. Die meisten Drummer suchen nach Möglichkeiten, den berühmten Big Gig zu bekommen. Wieso hast du ihn? Was hast du dafür getan? Warum ist das so? Mit Shakira gings los, als sie noch ein relativ junger Popstar in Kolumbien war. Den wachsenden Bekanntheitsgrad hab ich gar nicht so wahrgenommen, weil ich von Anfang fest in ihrer Band war und den Entwicklungsprozess nur intern erlebte. Für einen Außenstehenden ist das hier der gigantische Gig eines Weltstars. Die Musikindustrie arbeitet mit komplizierten Methoden und man muss wissen, dass deine Wertigkeit als Musiker in diesem Business nur zu fünfzig Prozent davon abhängt wie du spielst, und die anderen fünfzig Prozent gehen auf das Konto von dem, den du kennst. Es gibt viele hervorragende Musiker, die keine Kontakte haben und daher arbeitslos sind. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die mit ihren Business Cards und Demopacks nur so um sich werfen, und wenn man sie spielen hört, dann kriegst du den Horror. Du brauchst als Drummer eine breite Basis, damit du dich universell anbieten kannst. Wenn Shakira sagt, sie hätte gerne einen Punk-Groove, dann spiel ich den. Da gibts kein überlegen und zögern! Oder wenn sie den Folkloric-Columbia-Rhythmus einer bestimmten Küstenregion wünscht, dann musst du sagen: ... hey, den kenn ich!" und bietest was an. Ich hab mich fit gemacht, weil ich mir von Sex Pistols bis zu Folklore alles angehört habe. Musikalisches Wissen und Spieltechnik müssen stimmen, aber auch der engagierte Umgang mit den Band-Mitgliedern ist eine hoch anzusetzende Grundvoraussetzung, die diesen Job erst ermöglicht. Darüber hinaus musst du ein guter Business-Typ sein, pünktlich sein, gutes Equipment haben und ein kommunikativer Mensch sein. Wenn du aber mit einem Müll-Set anrückst, zu spät kommst, dumme Witze reißt und zu aller erst nach deiner Gage fragst bevor überhaupt was passiert, dann wars das. An die großen Gigs zu kommen hat auch mit Networking zu tun; du musst live präsent sein, damit andere auf dich aufmerksam werden. Du musst in die Clubs gehen, dir Shows angucken und selber so viel live spielen wie möglich. Nur dann triffst du die Musiker, Booker, Toningenieure, Produzenten. Und genau deshalb hab ich den Shakira-Gig, denn ich spielte einen Job in einem Club und im Publikum war Sebastian, ein Toningenieur, mit dem ich nach der Show ins Gespräch kam. Wir tauschten unsere Telefonnummern, was bekanntermaßen in diesem Business eigentlich ohne Bedeutung ist. Tatsächlich aber rief er mich ein Jahr später an und sagte, er bräuchte einen Drummer für eine Produktion mit einer kolumbianischen Newcomerin. Ich spielte eine Audition für einige ihrer Songs. Shakira, ihr Producer Luis und Sebastian saßen in der Regie und ihnen gefiel die Art des Drummings. Sie verwendeten meine eigentlichen Demo-Audition-Takes fürs Album und ich sagte: ... hey, stop! Das könnt ihr doch nicht machen ist ja nur ein Demo!", aber die fanden das alles nur klasse. Am nächsten Tag spielte ich weitere Songs für ihr Album Donde Estan Los Ladrones" ein. Das ist jetzt 5 Jahre her und seitdem arbeite ich mit ihr ohne Unterbrechung. Früher hatte ich mal hier und da einen Gig und dann drei Monate wieder nichts zu tun. Heute mit Shakira heißt es: Pack dein Zuhause ein und geh auf Tour! Ich bin jetzt seit 2 Jahren kaum zu Hause gewesen. Meiner Meinung nach kommen Studiojobs durch Kontakte mit Toningenieuren und Produzenten. Und Livegigs kommen durch Musikerkontakte. Es sind zwei Gesellschaften und du musst beide kennen und dich mit beiden verstehen ... Was ist das Geheimnis eines guten Grooves? Uhh ... das geht in die tieferen Schichten der philosophischen Ebene. Ein Teil ist sicherlich Instinkt, man fühlt was geht und was nicht. Das wiederum beruht auf Erfahrungen, einerseits spieltechnisch, andererseits in der Zusammenarbeit mit der Band. Man erkennt, ob eine Open-Hi-Hat zu den Vocals passt, ob die Bassdrum-Figur zum Gitarren-Riff passt, ob ein Fill-In den Song pusht oder ganz einfach lächerlich und überflüssig ist. Ein anderer Punkt ist die Sound-Frage. Ich ändere meinen Drumsound von Tour zu Tour und arbeite gerne mit meinem Drumsound des Jahres". Das hat mit der eigenen Identität zu tun und hier versuche ich auch stets, meine Persönlichkeit als Drummer zu definieren. Der Sound der Cymbals ist mir wichtig, ebenso der Sound der Snaredrum. Man muss entscheiden ob tiefe oder hohe Stimmung, Decay etc. Mal spiele ich eine high crisp Marching Snare, mal einen fetten Snaresound. Je nach Song und Feel. Das muss man raus haben. Auch der Approach, Grooves zu spielen, ist ein Riesenfaktor. Spielt man on top wie Stewart Copeland oder laid back wie Carlos Vega? Gleichzeitig muss man auch das Gespür dafür haben, wann eine Band am besten groovt. Du erkennst es in den Gesichtern ... ... es gibt wenige Drummer, die das wirklich raus haben. Man kann schon sagen diese Leute sind Genies. Für sie ist es eine ganz natürliche Sache, die machens perfekt und grooven dabei was das Zeug hält ... and I hate those guys (lacht) ... everything they touch feels great ... sogar das Abstellen einer Kaffeetasse klingt bei denen funky! (lacht)
Seine Welt ist die tiefempfundene Kraft der Klänge. Mit einem klaren Gespür für Sounds beeindruckte er Shakira während der Audition so sehr, dass sie ihn vom Fleck weg in ihre Band holte: Ich bekam ein Tape mit drei Titeln und lernte die Songs, während ich mir überlegte, welche Sounds und Grooves ich anbieten würde. Anstelle von Congas spielte ich eine Doumbek. Und genau das wars!" Rafael Padilla ist genau der Richtige wenns darum geht, stereotype Percussion-Grooves auf der linken Spur zu überholen ein Protagonist der Ethno-Sounds. Geboren wurde Rafael Padilla in Kuba, doch anstelle Congas zu spielen hörte er lieber Rock n Roll. Mit 14 Jahren ging er über den Umweg Spanien nach Miami und spielte als Drummer in manchen Spaßbands. Erst im Alter von 18 entdeckte er seine Liebe zur Percussion und traf sich mit der Cuban-Szene zum Trommeln. 1984 kam das Angebot, ein Album mit Miami Sound Machine aufzunehmen, sein erster Crossover-Job. Ein Jahr später wurde dieses Album Conga" weltbekannt. 1992 glückte der Sprung in die L.A.-Studio-Szene und erst in den letzten Jahren ist Rafael wieder mehr zu Tourneen ausgerückt, zunächst mit Christina Aguilera, dann mit Jennifer Lopez und schließlich mit Shakira. Du zählst in L.A. zu den begehrten Studio-Percussionisten. Wird dein Marktwert durch die Zusammenarbeit mit Shakira steigen? Die Studioszene funktioniert etwas anders. Selbst wenn du mit Michael Jackson spielst, heißt das nicht, dass du Studiojobs bekommst. Man muss Produzenten kennen und sie müssen auf deine Arbeit, deine Qualität, dein Feel, dein Anpassungsvermögen und dein Talent stehen. Besser noch, du hast einen Produzenten zum Freund. Wie bereitest du dich für eine Recording-Session vor? Ich bereite mich eigentlich vor Ort direkt im Studio vor, höre mir den Song an und nähere mich der Musik in der Weise als würde ich ein Bild malen. In meinem Kopf entstehen Klänge und Groove-Strukturen und aus diesen wächst die Idee für Percussion-Elemente. Ich orientiere mich insbesondere an Frequenzen und stelle mir die entsprechend klingenden Instrumente zusammen, die dann bestimmte Klangbereiche abdecken, um gewollt Raum zu lassen für andere Sounds oder diese besonders zu stützen. Hier geht es um das Kombinieren von Frequenzbereichen und Feel. Das ganze ist eine Frage des richtigen Hörens und Zuhörens. Ein Song stellt mir konkrete Fragen, und ich antworte. Das sind sensible Feeling-Sachen, und so was hat nichts mit dem stupiden Abspulen irgendwelcher afro-cuban Grooves zu tun, die man irgend wann mal irgendwo bei irgend welchen Master-Drummern gelernt hat. Die moderne Musik arbeitet anders und verlangt Flexibilität. Da kann man keine Traditions einfach mal so reinmontieren. Pop-Percussion kann man nicht lernen. Alles was man dazu braucht, ist die Gabe, zuzuhören. Auch als wir damals mit einer tierisch pfeffrigen Cuban Rhythm Section den Miami Sound Machine Song Conga" aufnahmen, spielten wir nicht den originalen traditionellen Rhythmus Conga. Das hätte überhaupt nicht gepasst! Wir veränderten die rhythmische Linie und formten sie so, dass sie zum Song passte. Trotzdem heißt der Song Conga" ... Warum, glaubst du, hast du diese Big Gigs mit Gloria Estefan, Christina Aguilera, J.Lo und Shakira bekommen? Weil ich ihre Musik verstehe und ich mein Percussion-Feel genau auf sie ausrichten kann. Thats it. Its so simple! Interviews und Fotos: Tom Schäfer Die vollständigen Interviews lesen Sie in STICKS 07.2003; erhältlich ab dem 27. 06. 2003 im Zeitschriftenhandel und Musikfachgeschäften.
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