Groove des Monats: David Bowie - China Girl

Auch wenn wir immer die Ohren spitzen nach dem „Lick der Woche" oder dem fantasievollen „Groove des Monats", so findet sich diesbezüglich zur Zeit recht wenig in den Top-10 und Radio-Charts, was dieser Workshop-Reihe würdig wäre. Warten wir’s ab wann der nächste Knaller auftaucht – und der kommt bestimmt! Unterdessen können wir ja auch auserwählte „Klassiker" auf das Podest heben und damit jene Grooves abfeiern, die es hundertprozentig verdient haben, diese „Monats-Trophäe" mit nach Hause zu tragen.

Diesmal geht es um einen Song des Britisch-Exzentrischen Popstars David Bowie. Auf seinem Album „Let’s Dance" von 1983 findet sich der Song „China Girl", ein Titel, der auch heute noch verdientermaßen häufig im Radio gespielt wird. „China Girl" ist einfach grandios was das Drumming angeht. Die Album Credits verweisen auf Tony Thompson und Omar Hakim, doch es war nicht definitiv herauszufinden, wer von beiden diesen Titel nun wirklich eingespielt hat. Groove-Eigenschaften und typische Fill-In-Qualitäten lassen hier eher Omar Hakim vermuten, die Attitüde eher Tony Thompson. Wenn man dann noch weiß, dass Omar Hakim der ursprüngliche Drummer von Chic war (die Band, mit der Tony Thompson zu Weltruhm gelangte), so liegt die Vermutung nahe, dass es tatsächlich Omar war.

Auf jeden Fall ist diese Nummer so richtig „hart am Wind" getrommelt, mit einer genagelten Viertel-Puls-Power, die trotz relativ einfacher Rhythmus-Struktur ungeheuer packend, satt und mitreißend daher kommt. Das Groove-Phänomen ist natürlich nicht allein am Schlagzeug festzumachen, auch der pumpende Bass und ein hookiges Gitarren-Riff haben einen Riesenanteil an diesem Feel. So wird einem wieder mal klar, dass ein Groove von etlichen Faktoren abhängt, die einerseits im Zusammenspiel der Band zu finden sind, andererseits mit Drumsound zu tun haben, genauso aber auch von der Identität des Schlagzeugers und dessen Approach geprägt werden.

Im Falle von „China Girl" entsteht das magische Drumgroove-Feel durch ein on top gespieltes Viertelpuls-Schlagzeug mit Achtel-Beat Hi-Hats. Man könnte diesen Groove theoretisch laid back spielen, ausgeruht, hinter dem Click oder eben „auf den Punkt nageln". Letzteres tat der „China Girl"-Drummer mit solcher Intensität, dass es sich anfühlt, als würde er sogar noch leicht vor dem Click spielen, um mit noch mehr Drive den Song wirklich bis zum Anschlag anzukurbeln. Basierend auf dieser Auffassung kann man nun versuchen, den „China Girl"-Drumpart nachzuspielen oder auch zu interpretieren – und vielleicht auch mal ganz neu zu entdecken.

Typisch ist die immer wiederkehrende Open-Hi-Hat auf „4und" (alle 4 Takte in der Strophe, bzw. alle 2 Takte in der Bridge). Interessant zu beobachten ist das Stilmittel der Open Hi-Hat im gesamten Song, da die Hi-Hat auch außerhalb der „4ind"-Struktur ebenfalls immer dann geöffnet wird, wenn ein kurzes Fill-In folgt.

Ein ganz besonderes Augenmerk sollte man bitte einmal auf die „unspektakulären" Fill-Ins legen, die auf den Punkt inszeniert sind und dabei eine rhythmische Identität zeigen, die in diesem Groove-Kontext als einzigartig zu bezeichnen ist. Ein grandioses Fill-In passiert bei 1:58 Minuten: Es beginnt auf „3und" und geht über die „1" des Folgetaktes hinweg. Es ist ein „simples" Viertel-Beat Fill-In, aber in der Off-Beat-Rhythmik derart musikalisch gesetzt, dass es für den unbedarften Zuhörer zwar wie Öl runtergeht, jedoch dem analysierenden Drummer Atemnot beschert. Auch die vermeintlich „stupiden" Snaredrum-Beats auf „3" und „4" (im 2. Fill-In-Takt) gelangen dadurch an Bedeutung, dass sie musikalische Teile nicht nur deutlich voneinander absetzen, sondern gleichzeitig auch noch einen versteckten aber vorausblickenden Drive in sich bergen, um dem nachfolgenden Part den richtigen Support zu geben.

Hier nun einige Groove-Eckpunkte:

  • Beispiel 1: Das knappe und prägnante Intro Fill-In mit Refrain-Groove.

  • Beispiel 2: Linear Fill-In (bei 1:17 Min.) mit spieltechnisch interessanter Open-Hi-Hat Positionierung.

  • Beispiel 3: Das sagenhafte Viertel-Puls Off-Beat Fill-In bei 1:58 Min.

Viel Spaß!

tom schäfer

Noten

Natürlich sind eure Vorschläge zum „Groove des Monats" herzlich willkommen. Bitte per E-Mail an tom.percussion@t-online.de oder redaktion@sticks.de, per Post an Redaktion STICKS, z. Hd. Tom Schäfer, An der Wachsfabrik 8, D-50996 Köln.

Das vollständigen Workshop lesen Sie in STICKS 07.2003; erhältlich ab dem 27.06.2003 im Zeitschriftenhandel und in guten Musikfachgeschäften.

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