Ralf Gottlieb

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Geb.: August 1975

Wohnort: Idar-Oberstein

Ausbildung: mit 16 Entdeckung des Schlagzeugs, Unterricht an der Modern Music School (Idar-Oberstein), Intensivkurse bei Steve Houghton, Ed Soph, René Creemers, 1996 Studium an der LAMA bei Ralph Humphrey, Joe Porcaro, Mike Shapiro und Mark Schulman Drummer Credits: seit 1997 Lehrer an der Modern Music School (Idar-Oberstein, Saarbrücken), Workshops an Schulen und bei NuMusic Camps, Live- und Studio-Drummer in Bands diverser Stilrichtungen

Band Credits: Gomorra, Solar Spine, Tomorrow’s Eve, Tell Your Mother

CD Credits: Gomorra – „Reborn Into The Neverwhere" (1996), Solar Spine (1997), Solar Spine – „Elysium“ (1999), Tomorrow’s Eve – „The unexpected world“ (1999), Tell your
Mother – „I like you“ (2002), Tomorrow’s Eve – „Mirror Of Creation“ (2003)

Aktuell: Drummer der Band Tell Your Mother (Fame Recordings), Festival-Auftritte (Taubertal, Open Flair, WDR Rockpalast etc.)

Träume beflügeln die Phantasie. Und sicherlich hat jeder von uns schon mal den Traum geträumt, mit der eigenen Band auf großen Bühnen zu stehen, den tosenden Applaus zu genießen und Kontoauszüge nur noch mit mildem Lächeln zu begutachten. Doch nur wenige trauen sich diesen Pfad der Ungewissheit zu gehen – und noch weniger haben das Glück, sich am Ende in der Erfüllung ihrer Träume wiederzufinden. Professionelles Musikmachen bedingt den Mut zum Risiko. Insofern gilt jedem Respekt, der sich konsequent aufmacht, um die eigene Idee zu verwirklichen.

So auch Ralf Gottlieb, der eisern daran arbeitete, seine Fähigkeiten als Drummer auszubauen und zu diesem Zweck auch in Los Angeles studierte. Nun gibt er Vollgas mit der Band Tell Your Mother und ist dabei, das Potenzial des erfolgreichen Drummings mit Kraft und Seele auszuloten.

War das Studienjahr an der Los Angeles Music Academy ein erstes großes Ziel auf deinem Weg zum Profi-Drummer?

Eigentlich war ich ein echter Spätzünder, denn ich hab ja erst mit 16 angefangen so richtig Schlagzeug zu spielen. Zum Glück bekam ich sogleich Unterricht an der Modern Music School, doch was das Lernen anging, unterlag meine Ambition anfänglich eher dem Spaßfaktor eines Jugendlichen. Die große Überlegung, Schlagzeug professionell anzugehen, kam erst mit 18, als ich davon hörte, dass man in den USA Schlagzeug regelrecht studieren kann. Das war der Auslöser mich in die Sache reinzuknien und so hab ich mich dann zwei Jahre intensiv auf das Studium vorbereitet. Man macht sich teilweise selber verrückt, von wegen LA, große weite Welt, Superangst, Selbstkritik usw., ich hatte von der Musik- und Drummer-Szene damals kaum Ahnung. Trotzdem hab ich alles drangesetzt, mich sogar im Jazz fit zu machen, obschon ich eigentlich nur Death Metal am Start hatte. Jazz und Latin war für mich die totale unbekannte Größe. Also hab ich noch Intensivkurse an der MMS eingeschoben, und 1996 ging es dann nach LA zur LAMA und das war der echte Hammer!

Wie muss ich mir das vorstellen, mal eben so nach LA zu gehen? Das kostet ja auch eine Stange Geld. Hast du ordentlich gespart? Wie lief das organisatorisch ab?

Organisiert wurde alles über die MMS, auch was zum Beispiel Wohnungsmieten angeht. Mehr oder weniger kam ich mit nix da unten an, außer zwei großen Taschen mit dem nötigsten drin. Da fährst du als Junge aus dem Hunsrück an Downtown vorbei und wunderst dich nur. Gewohnt hab ich erst einmal in irgendeiner Kaschemme; man teilt sich mit mehreren ein Appartment und muss zusehen, sein Leben dort selber in die Hand zu nehmen, sprich auch erst mal ne Bettmatratze zu kaufen etc. Du lebst dich dann aber schnell ein und nach 3 Monaten ist alles Alltag. Auch das Heimweh geht irgendwann vorbei. Am Ende möchte man dann gar nicht mehr weg ... nur Sonnenschein, der Pool ist im Garten und ab und an Party! Ich bin morgens oft schon um 5 Uhr aufgestanden, weil ich dann in Ruhe einen der Proberäume zum Üben für mich hatte. Es gab nämlich wöchentlich einen immensen Übekatalog und da hieß es: Vogel friss oder stirb! Pünktlichkeit und Disziplin waren uneingeschränkt gefordert.

Was hast du an schlagzeugtechnisch wirklich praktischen Dingen aus dieser Zeit mitgenommen?

Für mich war das Jahr Los Angeles eine Steigerung in spielerischer Hinsicht von 150 Prozent! Ich kam als wirklich anderer Drummer zurück, hab Musik kennen gelernt, die mir zuvor völlig fremd war, hab jede Menge Percussion gelernt, zum Beispiel Conga-Spielen, es gab Jazz- sowie Bigband-Klassen und vieles mehr. Und das macht dich umfassend fit. In der ganzen Zeit war ich absolut motiviert und hab mir wirklich dermaßen den Allerwertesten gerissen, dass es nur so krachte. Zuhause in Idar-Oberstein bekam ich dann auch sogleich den Job als Schlagzeuglehrer an der Modern Music School. Ich hab mein Hobby zum Beruf gemacht und mir durch das Unterrichten mein finanzielles Standbein gesichert.

Nun bist du ja auch Drummer der Band Tell Your Mother, einer in der Szene erfolgreichen Rockband, die schon auf so manche Credits verweisen kann ...

... richtig los ging es mit Tell your Mother in 2002, so dass ich alle anderen Bands canceln musste. Es ist schon ein wahnsinniger Film, plötzlich auf professioneller Ebene arbeiten zu können. Und im Hagener Woodhouse Studio ein Album zu produzieren mit der absoluten Koryphäe Siggi Bemm, das ist schon was. Siggi hat mir schließlich auch noch die Flötentöne beigebracht.

So nach der Art: „Jetzt aber mal in echt!“?

Der sagt dir einfach ganz frech, dass diese tausend tollen Ghost Notes keine Sau interessieren. Buff-Zack und fertig! Der schmeißt erst mal alles über Bord und du denkst dir: „Was soll denn das jetzt?“ Erst im Regieraum beim Anhören der Takes wird dir klar, welche Intention hinter den Ansagen steckt und es haut dich schlichtweg um, wie saugut alles klingt. Früher mit meiner Band Tomorrow’s Eve konnte ich mich austoben und ungeniert in krummen Takten rumsulen. Aber wenn man mit der Musik Geld verdienen will und mal vor mehr als 50 Leuten spielen möchte, dann sollte man sich in dieser Frickel-Materie nicht so lange aufhalten. Ich möchte einfach auf großen Bühnen stehen, und mit Tell Your Mother haben wir das ja schon ganz gut hingekriegt, zum Beispiel Taubertal Festival, Rockpalast, Fernsehen ... Wahnsinn. Ich muss nur langsam aufpassen, dass mein derzeitiges erhebliches Arbeitsaufkommen mit Band und vollem Unterrichtsprogramm nicht zum Burn-Out führt. Insofern hab ich auch gelernt, ab und zu mal „nein“ zu sagen. Ich bin ein qualitativer und kein quantitativer Arbeiter.

Welche Erwartungen steckst du in die Band?

Es muss mit der Band so bergauf gehen, dass ich davon leben kann. Wenn’s jetzt wirklich knallt, dann würde ich auch nur noch die Band machen. Aber der Zeitpunkt sich festzulegen ist jetzt verfrüht, weil ich einfach nicht abschätzen kann, wie man sich fühlt, mit einer Band zu arbeiten, die Erfolg hat und einen ernährt. Man hat immer die großen Träume und Wünsche, aber die Realität ist doch anders. Klar, wenn da ein Nightliner steht mit Klimaanlage und jemand fährt das Ding, dann spiel ich von Portugal bis Burkina Faso. Aber solange ich immer noch selber fahren muss und mein Schlagzeug selber aufbauen muss, solange ist das was anderes. Spielen ist immer geil, aber das ganze Drumherum ist verdammt anstrengend. Insofern geht es momentan noch darum, Möglichkeiten und Chancen auszuloten, um Prioritäten zu setzen. Schließlich stehen sich Band und mein Lehrerjob mit fast 50 Schülern an zwei Standorten in Idar-Oberstein und Saarbrücken gegenüber. Dort bin ich nicht nur Lehrer, sondern arbeite auch das Curriculum für die Schule aus und feile an einem Konzept, wie man Kindern den Spaß am Schlagzeugspielen vermittelt.

Konzipiert ihr eure Songs bei Tell Your Mother mit dem Hintergedanken, bestimmte kommerzielle Richtlinien zu erfüllen?

Durch unseren Produzenten Siggi Bemm haben wir viel davon mitgekriegt, wie der Hase läuft. Eine erfolgreiche Nummer gehorcht gewissen Gesetzmäßigkeiten. Sie hat 3 Minuten Dauer, besteht aus möglichst drei Teilen und hat eine gute Hookline. Doch wir machen Musik, auf die wir Bock haben. Wir stricken die Songs nicht unbedingt nach diesen Gesetzmäßigkeiten, sondern lassen unserer Seele den großen Freiraum. Allerdings hab ich mein Schlagzeugspiel – zumindest bei Produktionen – insofern verändert, dass ich wirklich absolut minimiert spiele. Lieber weniger, aber dafür mit mehr Dynamik, was mir die Möglichkeit bietet, Steigerungen aufzubauen. Es ist die Herausforderung, aus dem Geringsten das Meiste zu machen. Viel zu spielen find ich überhaupt kein Problem, vorausgesetzt man verfügt über das entsprechende technische Level. Aber setz dich doch mal hin und spiel 4 Minuten ein und den selben Groove ohne Variation. Da kriegen die meisten Haare auf der Zunge. Live ist es wieder anders, da lass ich dermaßen die Kuh fliegen, dass man mich anschließend ins Sauerstoffzelt stecken kann. Da ist Ausnahmezustand! Lieber mach ich ein paar Fehler im Song als stocksteif rumzusitzen und das Publikum für null zu unterhalten. Live müssen die Sägespäne fliegen, da gibt’s Sticktwirling und die Matte wird geschüttelt.

Schlagzeugspielen mit dem körperlichen Einsatz gehört zu deinem Markenzeichen?

Klar, und das hört man auch auf den Aufnahmen. Da geht selbst im Studio schon mal ein Cymbal kaputt – schließlich machen wir Rock und keine Tanzmusik. Da geht’s bös zur Sache! Und physisch stark zu spielen war immer schon mein Ding. Ich bin aufgewachsen mit Bands wie Scorpions, Iron Maiden, Metallica und das ganze Knüppelzeugs der Thrash und Death Metal Szene. Und wenn man so
eine Musik hört, dann ist man drauf
geeicht, Kette zu geben.

Hast du bestimmte Vorgehensweisen, deinen personal touch des Hardrock Drummings am Set umzusetzen?

Inspirationen ziehe ich mir aus der Musik, die ich gerne höre, zum Beispiel Metallica, Police, aber auch Latin-Musik. Insofern kombiniere ich eine Menge an Ideen in meinem Spiel. Zum Beispiel hab mir ich viele meiner Splash- und Hi-Hat-Sachen von Carter Beauford abgeguckt.

Grundsätzlich aber passiert das meiste intuitiv. So vorgefertigtes Groove-Zeug mit überlegten Teilen mach ich überhaupt nicht. Ich bin ein Drummer, der superviel improvisiert, gerade was Fill-ins angeht, solange sie nicht kompositorisch in einem Song eine tragende Rolle einnehmen. Natürlich ist der Groove in einem Song eine wichtige Säule, die auch standfest sein soll, aber drumherum gibt es mindestens 80% Improvisationsfreiheit. Die Spontaneität bringt live nämlich noch mal eine satte Portion Energieschub rüber.

Welche Anforderungen in stilistischer oder spieltechnischer Hinsicht haben dich am meisten Energie gekostet?

Im Studio den Ball flach zu halten und so zu spielen, dass es dem Produzenten gefällt und dabei trotzdem Spaß zu haben. Und das bei einem Produzenten, durch dessen Tür die Creme de la Creme der Musikszene ein und ausgeht. Die unbekannte Größe für mich ist nach wie vor die afrokubanische Stilistik. Respekt vor all den Leuten, die das richtig gut können und die nötige Unabhängigkeit drauf haben! Während meiner Zeit in LA war Jazz das große Übel, und Joe Porcaro hat mich auch einige Male zusammengestaucht, was aber auch eine immense Motivation freigesetzt hat. Es kann auch schon mal richtig schwer sein, im Studio eine Ballade einzutrommeln. Ich erinnere mich noch, dass ich mal nach 15 Takes das Ding immer noch nicht im Kasten hatte. Unser Produzent installierte dann kurzerhand einen Trick, indem er mir einen Loop auf den Kopfhörer-Monitor gab und mit diesem Playback spielte ich den One Take. Das war schon eine gute Erfahrung und seitdem spiel ich nur noch mit Loops, eben auch live. Da kann es einfach nicht mehr passieren, dass dir beim Taubertal Festival vor 4000 Leuten das Tempo durchgeht. Diese Loops aus Percussion-Sounds und anderen groovy Elementen halten mich fest im Sattel. Dann rollen die Grooves perfekt, zumal die Band sowieso super eingespielt ist. Tell Your Mother läuft wirklich wie am Schnürchen!

Interview + fotos: Tom Schäfer

Equipment:

Drums: Tama Starclassic Maple (Marine Blue Fade)

  • 22" x 18" Bassdrum
  • 8", 10", 12", 14", 15" Toms (je nach Bedarf)

Snaredrums:

  • 14" x 6,5" Pearl Steve Ferrone Signature-Modell
  • 14" x 5,5" Premier Signia Maple Side-Snaredrum

Cymbals: Zildjian

  • 13" A Custom HH
  • 17" K Crash
  • 15" K Crash
  • 11" Oriental Splash
  • 8" A Custom Splash
  • 17" K Custom China
  • 22" Z Custom Ride oder 20" K Ride

Hardware: Tama

Pedale: Mapex

Felle: Remo

  • Powerstroke3 (Bassdrum)
  • Emperor (Toms)
  • Ambassador oder Powerstroke3 (Snaredrums)

Sticks: z. Zt. Ice Stix (div. Modelle)

Electronic:

  • Yamaha DTX 2.0 E-Drum-System
  • Hear Safe In-Ear-Monitoring

Das Interview lesen Sie in STICKS 11.2003, erhältlich ab dem 31. 10. im Zeitschriftenhandel und in Musikfachgeschäften.

 

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